Das Halstuch
Mittwoch abend, 17. Januar 1962: Das öffentliche Leben in Deutschland ist zum Erliegen gekommen. Die Straßen sind menschenleer, Kinos und Theater spielen vor leeren Sitzreihen, die meisten Kneipen ohne Gäste, Veranstaltungen werden abgesagt. Auf den Nachtschichten sind kaum Arbeiter. Sie haben Urlaub genommen oder sind “krank”. Der Grund: Im noch jungen Fersehen jagt Heinz Drache alias Kriminalinspektor Harry Yates den “Halstuchmöder”.
“Das Halstuch” war ein sechsteiliges Krimi-Fernsehspiel auf der Basis von “The Scarf” des britischen Autors Francis Durbridge, das der WDR in den ersten Januarwochen 1962 im Deutschen Fernsehen ausstrahlte. Zwar waren ihm 1959 und 1960 bereits zwei andere Durbridge-Sechsteiler vorangegengen – “Der Andere” und “Es ist soweit” – aber diesmal toppte der Fernsehkrimi alles. Nicht zuletzt wegen ihm wurde der Begriff “Straßenfeger” als Synonym für eine besonders erfolgreiche Produktion erfunden. Eine Einschaltquote von 89 Prozent soll erreicht worden sein, 25 Millionen Zuseher – allerdings gab es seinerzeit ja noch nicht die pluralistische Programmvielfalt.
Die Dreharbeiten zur diesem “englischen Krimi” – sowohl außen als auch innen – fanden in Deutschland, im Remscheid, statt. Der WDR mietete extra eine Reithalle – derart große Studioräumlichkeiten gab es noch nicht. Gedreht wurde mit elektronischen Kameras und Aufzeichnung auf Magnetband. Anders aus bei einer Produktion via Filmmaterial waren deshalb nachträgliche Szenen-Schnitte nicht möglich und elektronische Videobearbeitung war bei weitem noch nicht erfunden. So wurden sehr lange Takes produziert – teilweise bis zu 30 Minuten am Stück. Das ganze gab der Produktion den Reiz eines Kammerspieles. Die Dauer – fast vier Stunden verteilt auf sechs Abende – tat ihr Übriges.
Die eigentliche Handlung verblasst vor dem ganzen Drumherum um “Das Halstuch”. Es geht um den Mord an einer jungen Frau im kleinen Ort Littleshaw nahe London und die Aufklärungsarbeiten der britschen Polizei. Es folgen ein weiterer Mord, Mordversuche, hochkarätige Schauspielerinnen und Schauspieler, eine Vielzahl von Verdächtigen, Nebenschauplätze, falsche Spuren, endlose Dialoge, wenig Action, Irrungen und Wirrungen. Eine “ausführliche Einleitung” vor jeder Sendung brachte die Zuschauer immer wieder zurück ins Geschehen.
Wer der Mörder war… die Rolle wäre letzlich austauschbar gewesen. Zwei Tage vor Ausstrahlung der letzten Halstuch-Folge schaltete der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss eine Zeitungsanzeige für seinen Kinofilm “Genosse Münchhausen”. Darin verriet er den Namen des Täters, um so mehr Zuschauer in die Kinos zu locken. Das löste einen regelrechten Eklat aus, der im Vorwurf “Vaterlandsverräter” gipfelte. Ob Zufall oder “Rache des Fernsehzuschauers”: Der Film “Genosse Münchhausen” war ein Reinfall, aber die Vita von Neuss ein Stück reicher, auch wenn
später einräumte, den Mörder auch nur erraten zu haben.
Besetzung:
Heinz Drache: Harry Yates
Albert Lieven: Clifton Morris
Eckart Dux: Sergeant Jeffries
Erwin Linder: Alistair Goodman
Margot Trooger: Marion Hastings
Hellmut Lange: Edward Collins
Dieter Borsche: John Hopedean
Horst Tappert: Nigel Matthews
Erica Beer: Kim Marshall
Christian Doermer: Gerald Quincey
Gardy Granass: Jill Yates
Eva Pflug: Dinah Winston
Zuschauerpost http://www.zuschauerpost.de/zupo/docs60/1962a.htm
Info
Episodenführer
http://www.youtube.com/watch?v=8moWNj8NZj0
Die ausführliche Einleitung hat Loriot Jahre später zu einem Sketch inspiriert:



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