Bitte in 10 Minuten zu Tisch

“Wir kochen einen geschmackvollen Liter Wasser” – Ich glaube, selbst mit diesem Gericht hätte in den 50er und 60er Jahren Fernsehkoch Clemens Wilmenrod gepunktet… und tausende deutscher Hausfrauen hätten an seinen Lippen gehangen. Er war Deutschlands erster “Fernsehkoch” und brachte der “Verehrte Feinschmeckergemeinde” – so sein Begrüßungsspruch in der Sendung “Bitte, in zehn Minuten zu Tisch” – in der Wirtschaftswunderzeit wieder den Spaß und die Freude auf den Tisch.

Dabei war eigentlich alles nur Kulisse. Weder der Name noch die Berufsbezeichnung stimmten. Clemens Wilenrod hieß eigentlich Carl Clemens Hahn und von Beruf war er Schauspieler. 1906 in Willmenrod im Westerwald (mit 2 x L) geboren, nahm er Schauspielunterricht in Düsseldorf bei der Schauspielerin und Theaterleiterin Louise Dumont. Es folgten Engagements am Residenztheater Wiesbaden, am Komödienhaus Dresden, am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden und am Theater “Kleine Komödie” am Neuen Wall in Hamburg sowie kleinere Filmrollen. Aber der Erfolg war ihm nicht beschieden.

Wilmenrods Fernsehkarriere begann dann eher zufällig. Auf der Suche nach einer Anstellung beim neu gegründeten Fernsehn kam ihm die Idee der “Fernsehküche”. Vielleicht griff er aber auch Anregung aus dem Ausland auf: im britschen BBC hatte bereits 1937 Marcel Boulestin öffentlich gekocht. Der NWDR engagierte ihn vom Fleck weg, zusammen mit Ehefrau Erika als Assistentin. Die fünfzehnminütige Sendung wurde erstmals am Freitag, dem 20. Februar 1953, zur besten Abendsendezeit ausgestrahlt. Bis Mai 1964 wurden 185 Sendungen produziert.

Ein Meisterkoch war Wilmenrod wahrlich nicht, aber ein Meister des Wortes und erfindungsreicher Geist. So bekamen sein Rezepte aus einfachen Zutaten und Konserven ansprechende und exotische Namen. Und die Zubereitung schmückte er mit kleinen Geschichten und Anekdoten aus. Er servierte “Gefüllte Erdbeeren”, “Flambierte schwarze Bananen”, “Würstchen mit Austern” und “erfand” die “Zwiebelsuppe René”, das “Arabisches Reiterfleisch”, den “Venezianischer Weihnachtsschmaus”, das “Päpstliche Huhn” und nicht zuletzt den “Toast Hawaii“. Den Zuschauern war es egal: Was Wilmenrod vorkochte, kam auf den deutschen Tisch!

Aber er war auch ein eitler Meister der Selbstdarstellung und Selbstvermarktung. Seine Bekanntheit schlachtete er in Kochbücher, Vorträge, Firmenpräsentationen usw. aus, was die Neider auf den Plan rief. Seine “Schleichwerbung” in der Sendung führte 1959 zu einer Titelgeschichte im Spiegel und einer ersten öffentlichen Diskussion des Themas “Schleichwerbung” in Deutschland.
Zunächst tat es seiner Karriere keinen Abbruch. Aber es kamen dann noch persönliche Eheprobleme hinzu. Nach elf Jahre wurde 1964 dann die Sendung abgesetzt und Wilmenroth versank in der Versenkung. Magenkrank nahm er sich 1967 in einem Münchener Krankenhaus das Leben.

Im Frühjahr 2008 verfilmte der NDR das Leben des ersten deutschen Fernsehkochs unter dem Titel “Es liegt mir auf der Zunge“. Lothar Kurzawa hatte dafür das Drehbuch geschrieben. Jan Josef Liefers und Anna Loos spielten das Ehepaar Hahn (Wilmenroth). Der Titel erinnert an Wilmenrods erstes TV-Kochbuch. In ihm erschien auch das Rezept zum legendären “Toast Hawaii”.

Der NDR zeigt private Aufnahmen des prominenten Vorkochers.
“Heringssalat auf bretonische Art”.
Titelgeschichte im Spiegel 1959