Internationaler Frühschoppen
Sechs Menschen – zumeist Männer im gesetzten Alter – sitzen eingenebelt in Zigaretten- und Zigarrenqualm an einen Nieren-Tisch, trinken genussvoll Wein und lassen die Weltpolitik Revue passieren… Kling ein bisschen nach Dorfstammtisch und gequirlter Langeweile, war aber von 1952 bis 1987 das Szenario einer der beliebtesten Polit-Sendungen im deutschen Fernsehen. Werner Höfer (* 21. 3. 1913, Kaisersesch; † 26. 11. 1997, in Köln) lud Journalisten aus fünf Ländern zum “Internationalen Frühschoppen“. Und wie Kirchgang, Sonntagsbraten und Kaffeestunde gehörte die Sendung jahrzehntelang zum deutschen Sonntagsritual.
Am 6. Januar 1952 geht der “Internationale Frühschoppen” zum ersten Mal auf Sendung, zunächst nur im Hörfunk. Ein Jahr später wechselt Höfer mit dem Konzept zum Fernsehen, um das aktuelle Weltgeschehen anhand unterschiedlicher Positionen zu erklären. Ab dem 30. August 1953 konnten die Zuschauer des Deutschen Fernsehens Werner Höfer und seine Gäste dann auch sehen.
Die Themen wurden durch die große Weltpolitik vorgegeben. Die Themen wiederum bestimmten die Gästeliste. Manche kamen nur einmal, andere immer wieder. Alle Großen der deutschen Jounalistenzunft gaben sich ein Stelldichein bei der intellektuellen Gesprächsrunde – z.B. Rudolf Augstein, Henri Nannen, Marion Gräfin Dönhoff, Günter Gaus, Peter Scholl-Latour, Julia Dingwort-Nusseck und Theo Sommer.
Mitunter war dabei die Sendung auch eine journalistische Nabelschau. Nicht selten “kommen die Gäste grade vom Schauplatz des Geschehens”, “hatten eben erst mit dem Kanzler gesprochen”, sind “profunde Sachkenner”, “Mitarbeiter der ‚großen’ Zeitung XYZ aus NewsYork, London, Paris…”
Der Souverain blieb Höfer selbst. Diskussionsleiter, Ordnungsrufer, spiritus rector – aber auch Stellung beziehender Mit-Diskutant. Den Abschluss der Sendung bildete immer eine (wertende) Zusammenfassung des Diskussionsleiters. Statistiker haben mitgerechnet: Am häufigsten redet Höfer selbst – im Durchschnitt 18 von 45 Minuten. Kritiker warfen ihm eine Neigung zur Weitschweifigkeit und zu oberlehrerhaft-autoritären Allüren vor. 1959 nannte der “Spiegel” den Frühschoppen die “Werner-Höfer-Schau”.
Lassen wir den Zynismus. Zu Höfers unzweifelhaften Verdiensten gehörte es, dass er auch vor heikle Themen nicht scheute. Die “Spiegel-Affäre” und die Kontroverse über Henri Nannens Äußererungen zu Bundespräsident Lübke sind Beispiele davor. Und er brachte verfeindet Lager zusammen. Besonders stolz war Gastgeber Höfer darauf, dass sich schon zu frühen Zeiten bei ihm arabische und israelische Journalisten an einen Tisch gesetzt hatten: “In Frankreich hatte man auf getrennte Studios bestanden.”
Und noch eine persönlicher Eigenheit zeichnet ihn aus: Er war immer präsent. Sogar aus dem Urlaub reiste er zur Sendung an. Während der Flutkatastrophe 1962 war ihm dies nicht möglich – er leitete die Sendung telefonisch von Sylt aus.
1987 stolpert Höfer über seine journalistische Vergangenheit. “Der Spiegel” gräbt einen Artikel von 1943 aus, der aus der Feder Höfers stammt. In ihm wird die Hinrichtung des Pianisten Karlrobert Kreiten gerechtfertigt, der behauptet haben soll, dass der Krieg verloren sei und zum Untergang deutscher Kultur führen werde. Höfer lehnte die Verantwortung für den Artikel mit der Begründung ab, andere hätten die kompromittierenden Passagen “hineinredigiert”, Höfer bezeichnet sich selbst als “unpolitischen Intellektuellen”.
Nach der 1874. Sendung wird 1987 der “Internationale Frühschoppen” durch den “Presseclub” ersetzt.


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